Poetry Slam: “Die, die niemand sieht”

Nadine Berning

I am a primary school teacher, mother, and late-diagnosed ADHD woman based in Nuremberg, Germany. My work explores neurodivergence, emotional experience, and the often invisible realities of children and adults navigating systems not designed for them. On Instagram, I share poetry, reflections, and educational content about ADHD from both a professional and lived perspective. My focus is on making visible what is often overlooked: the inner worlds of children labeled “too sensitive”, “too much” or “difficult”. The poem I am submitting reflects the experience of growing up with intense emotions, especially as a girl whose ADHD remained unseen. It speaks to the quiet struggle behind being “well-behaved” yet overwhelmed. My writing is for the child I once was and for all those who were misunderstood or recognized too late. Through it, I hope to create understanding, compassion, and a sense of being seen.

Instagram: @kopfgewitter.und.kreide

Die, die niemand sieht

In jeder Klasse sitzt ein Kind mit ADHS. Du erkennst es nicht immer,
doch du kennst es, ich wette es.

Manchmal hörst du es laut, noch bevor du es siehst,
weil ein Stuhl wieder kippt und ein Heft durch die
Gegend fliegt. Es ruft rein, steht auf, bleibt
einfach nicht sitzen,
das sind die Kinder, über die alle witzeln.

Dann gibt es die anderen, still und verloren,
Gedanken weit weg, irgendwo zwischen Sternen geboren.
„Du musst dich nur anstrengen“, hören sie dann, als ob Konzentration einfach entstehen kann.

Und dann … gibt es sie.

Das Mädchen, das niemand bemerkt irgendwie 

Dritte Reihe, ordentlich, höflich, bereit,
sie funktioniert nach außen, die
ganze Zeit. Doch unter dem Tisch
tanzen Finger aus Not, weil ihr
Körper nie wirklich zur Ruhe kommt.

Sie lächelt, wenn sie nichts
versteht, nickt, obwohl sich im
Kopf alles dreht.
Sie lernt doppelt so viel für ein
bisschen Applaus und kommt
trotzdem erschöpft nach Haus.

Nicht laut genug für Hilfe.
Nicht schwach genug für Sorgen.
Nicht auffällig genug für ein „Wir schauen mal morgen“.

Also wächst sie auf mit dem Gefühl tief drin:
Mit allen stimmt etwas, nur mit mir nicht, ich bin …

zu viel. zu wenig.

zu falsch für die Welt.

Bis irgendwann jemand
feststellt: Es war nie ihr Fehler,
nur ein Nervensystem, das anders zählt.

 ADHS hat viele Gesichter. Nicht nur das, das man sieht.
Und die leisesten Kinder sind oft die, deren Kampf am tiefsten geschieht.

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