billie bernhard
billie bernhard (she/her) is a vienna-based swiss-austrian net artist working across text, image, and performance. her practice is content- and research-driven, engaging in political and social contexts. her work combines aesthetic observation, constructive contrarianism, and constructed elements, moving between documentation and fiction.
Bekanntermaßen kein Augenkontakt
Sie sitzen im Gang. Es wird mit der Mama gesprochen, die mitkommen muss, um zu zeigen, dass sie noch behindert geblieben ist. Sie riecht. So riecht Abscheu, so riecht Vergewaltigung, so riecht die Verspottung
Ein Arzt soll die Bestätigung der weiteren Behinderung erteilen. Einsicht hat er nicht, in seine Schreiben – das haben ja nur die Versicherungsbeamten und das österreichische Sozialministeriumservice.
„Bernhard, bitte.“
Sie geht rein ins kleine Zimmer. Kleiner Gang, kleines Zimmer. Sie setzt sich hin und schaut ihn nicht an, den Arzt. Behindert ist sie ja. Bekanntermaßen können Autisten ja nicht Augenkontaktieren, also tut sie es auch nicht.
Er fragt sie wegen des Hundes. Sie beantwortet seine Frage nicht. Dann merkt sie, dass sie ja behindert ist und er natürlicherweise die Mama des Hundes befragt hatte.
„Was sind Ihre Beschwerden?“
„Inwiefern?“
„Ja, also so wie Depression, Suizidalität, Selbstverletzung etc. – ist das noch immer so?“
„Ja.“
„Bitte könnten Sie mir in ganzen Sätzen antworten?“
„Und wie regulär sind diese Suizidgedanken?“
„Jeden Tag.“
„Und wie häufig in einem Tag? Würden Sie sagen die ganze Zeit oder eher nur manchmal?“
„Und was ist mit dem CPTSD?“
„Ja, das hab ich.“
„Und wieso?“
„Wegen mehreren Dingen.“
„Und was genau?“
„Wegen der Schule.“
„Ja, wir haben’s alle schwer gehabt in der Schule, aber ob wir deshalb alle CPTSD haben ist die Frage. haha ha haha ha.“
Er wendet sich seines Lachens der Mama wieder zu. Sie weiß nicht, wie die Mama ihn zurück angeschaut hat.
„Aber ja, also warum genau? Oder wieso sagen Sie’s mir nicht?“
Weiter geht es so, aber das wäre jetzt wirklich zu fad, um wiedergegeben zu werden.
Sie ist dann fertig mit dem Termin. Sie ist erleichtert, weil der ihr unbekannte Arzt sie dieses Mal (nicht so wie die ebenfalls unbekannte Ärztin des letzten Sozialministeriumservice-Prüfungstermins) gebeten hat, sich völlig auszuziehen. Davor hatte sie Angst, sie hat nämlich Probleme mit ihrem Körperbild.
Sie gehen hinaus und ins Kaffeehaus. Sie geht runter ins Badezimmer der Oberlaa, sie zieht sich um. Das langärmlige Unterleiberl zieht sie aus, ein anderes zieht sie an. Sie schminkt sich: hellblau auf den Augenlidern, braun auf den Lippen. Sie schaut in den Spiegel. Sie macht ein Foto.

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