DIE DATEI_THE FILEEintopf und Sehköpfchen -oder wie ich meinem Hirn beim Sehen zuschaue

Ruben S. Bürgam

Ruben Bürgam understands herself as a human being who has spent her whole life navigating boundaries, moving in the spaces in between and across different artistic disciplines. She started as a dancer. Explorations of theatre, action art, and performance expanded her artistic scope. Photography and film eventually led her to the visual arts.

Her works — installation, video, photography, writing, performance, and life—question reality as the result of our (binary) logics. Dissolutions, glitches, layers, reflections, cacophonies, fragmentations at the levels of image and sound – as optional parallel processes of a fragile perception – are her approach, as hypotheses about the world and identity.

By the end of 2022, Bürgam herself had become her own greatest disruption through the “event in my head”—a stroke. Suddenly severely disabled and chronically ill, her exploration of neuro-visual perception deepened and took on an even more direct, personal dimension. Rubens body, which now functions asynchronously, is an immediate part of her experimental setups.


EXPLANATION (in German):

„Der Autobiograph,” ein selbstorganisierendes, instabiles System, versucht, im Interesse seiner Homöostase (seines seelischen Gleichgewichts”) “das ihm Widerfahrene zu integrieren, seine Identität (wieder- ) herzustellen.” Das Kunstwerk als Lebensgeschichte Zur autobiographischen Dimension Bildender Kunst, Gabriele Woithe, Logos Verlag 2008, Seite31: Hennigsen:36. Matrialisierung von Erinnerung

Meine “Ausfälle und Zustandsveränderungen” bilden den Ausgangspunkt der Werkreihe “Eintopf und Sehköpfchen”. Eine sehr persönliche Untersuchung und Beobachtung der neuro-visuellen Wahrnehmung und auch: Was bin ich? Jetzt? DIE DATEI_THE FILE ist ein bisher unveröffentlichter Teil dieser Werkreihe: als ein Online-Dokument angelegt sind tagebuchartige zumeist umgangssprachlich geschriebene Textsequenzen die aktuellen Hauptelemente, sowie Links zu Musik, Gesetzestexten, Selbsthilfe, Nachrichten und aktuell wenigen visuellen Elementen. Angelegt als ein Prozess.

DIE DATEI_THE FILE

14.03.2023

Es ist schockierend wie mir mal wieder der Tag frühmorgens um die Ohren fliegt. Das helle grelle Sonnenlicht verbrennt viele Kontraste, alles wird matschig und mir wird übel oder ist es einfach Panik des Kontrollverlusts? Ich liebe Kontraste und gleichzeitig machen mich 6000 Kelvin auch fertig. Wohin kann ich nur gehen um mich zu entspannen wenn ich im gleißenden Licht im Sehen geflutet werde, in der Dunkelheit Angst habe und im Mischlicht auch keine Beruhigung finde?
Und wie kann ich dir erklären, dass ich einerseits ein kleines Hexenhaar mit der Pinzette aus meinem Kinn mit dem Vergrößerungsspiegel erfolgreich herausziehen kann und trotzdem so sehr seheingeschränkt bin.
Eben diese Sprünge im Sehen. Aus dem scheinbaren Nichts steht, springt plötzlich eine Person vor mir auf und ich erschrecke, das wiederum erschreckt die andere Person, die nicht versteht warum ich so verängstigt bin und sie mit meinem bösen abschreckenden Blick abschrecke. Pure Verteidigung. Gleichzeitig warne ich meine Begleitung vor dem Scheißhaufen eines Hundes auf dem Bürgersteig. Wie soll mensch das nur verstehen?

08.09.2023

Ich habe gerade mal wieder versucht die feuchte, gewaschene Wäsche aus der Maschine zu nehmen, so Stück für Stück, was mir aber nie gelingt. Ein Knäuel von allem miteinander verworrenen, verknoteten hängt zum Teil noch im Innenraum, der andere mäandert so langsam nach draußen. (Mäandern ist zurzeit eines meiner Lieblingsworte) um dann gegen Ende meiner Versuche am Stück raus auf den Boden zu plumpsen. Fast. Wie im Leben. Du kriegst das Einzelne einfach nicht zu fassen.

13.09.2023

Meinen linken Arm sah ich nur in Teilen, als ich ihn in einer QiGong Stunde immer wieder anhob und absinken ließ. Ebenso wie ich meine Reha-Kolleg:innen beim Gleichgewichtstraining nur zur Hälfte sah. Ihre Oberkörper schwebten durch den Raum; so rein visuell gesehen, waren sie nicht vollständig. Mein a priori Wissen sagte mir das dann auch, dass sie nicht halbe Menschen sind. Dass sie nicht vollständig sind. Aber stimmt das überhaupt? Sind sie vielleicht durch meinen neuen Blick – mal überstrahlt, mal unterbelichtet, wolkig, fraktal – mit meinen Gesichtsfeldausfällen durch die Ereignisse in meinem Kopf…vielleicht doch einfach etwas ganz anderes als das was ich sehe, visuell wahrnehme, mit und ohne Gesichtsfeldausfällen?
…Also wenn ich Dinge, Menschen, Zustände nicht wahrnehme, nicht sehe, sind sie dann da oder nicht? Bin ich dann da oder eben auch nur eine Vorstellung?

15.09.2023

Ich konnte meinem Gehirn beim Denken zuschauen. So war mein Eindruck. Denn ich sah in den ersten Tagen viele elektrische Ladungen, Lichtgewitter, Lichtwellen in den unterschiedlichsten Farben. Bei geschlossenen Augen! In den langen Stunden des Wartens begann ich dann zu spielen. Wenn ich meine Augenlider ganz langsam öffnete, wuchs der sich mir eröffnende Raum zu einem dreidimensionalen, beweglichen Relais-Relief. Im Raum wuchsen Oberflächen als mehrdimensionale Körper. Und wäre es für mich persönlich nicht so tragisch, dann würde ich wohl schreiben: „Es war es schon ziemlich abgefahren!“. Gerne hätte ich Stills von diesen Momenten gemacht. Boten sie doch Bilder von Welt wie ich sie so noch nie gesehen hatte. Eine kleine Veränderung meiner Lidbewegungen und schon morphte das Relief des Flures in einen anderen Zustand. Schloss ich die Augen wieder ganz, hatte ich wieder mein ordentliches Denkgewitter der Farben und Lichtblitze und Wellen als Visuelles im Kopf, vor meinem inneren Auge.

23.09.2023

Ist es tatsächlich so, dass das Gewohnte, bekannte Visuelle abgespeichert und nur wieder abgerufen wird während ausschließlich das neu hinzugekommene Visuelle, das sich ständig verändernde meiner Umgebung jeweils neu dazu gerechnet wird?, frage ich eine Optometristin. Sie bestätigt meinen Eindruck.
Dann stelle ich mir das so wie in den Science Fiction Filmen vor, die in manchen Szenen digitale Drop-Outs, Störungen als verpixelte, sich ständig ab- und aufbauende Bilder, Materien visualisiert werden. Zum Beispiel beim Beamen, wenn das Signal zu schwach ist.
Denn tatsächlich wird mir dieses visuelle Zusammenfügen des Gehirns von Erinnertem und Neuem in manchen Situationen bewusst, zum Beispiel im Wechsel von vertrauter zu unbekannter Umgebung.
Wenn ich dieses Bild – dieses Simulieren – diese Hinzurechnen von Welt als einen ständig bewegten, sich bewegenden Prozess begreife, und zwar nicht nur auf das Sehen, sondern auf das was wir, was ich bin, dann ist Identität eine fluides Etwas, ein atmendes Organ, umgeben von einer Membran, die aufnimmt und abgibt, die ist, sich verändert, wächst und schrumpft.

05.01.2024

„Ich bin schwerbehindert, Künstlerin und Studentin. Was muss ich denn dann als Eintritt bezahlen?“, so fragte ich die Frau an der Kasse des KW Institutes. „6 Euro“, sagte sie nach einem minimalen Zögern. Also der übliche ermäßigte Eintrittspreis. Am liebsten hätte ich meine Auflistung gerne noch erweitert um: „und habe das Berlin Ticket, bin eine Frau, und Ü50 – noch“… aber ich traute mich dann doch nicht so dicke Backen zu machen. Diesen trockenen Humor checkt ja eh fast niemand. Aber heute ist er da, so ein bisschen.

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